Tizian ist ein Name, der stets die Phantasie anregt. Es klingt nach einem genialen Künstler und der längst vergangenen Pracht Venedigs. Vielleicht  sind dies die Gründe warum ein mit 8.000 Euro angesetztes Gemälde von Kaiser Karl V, das aus der Werkstatt Tizians stammen soll, 26.000 Euro bei Hargesheimer Kunstauktionen in Düsseldorf gebracht hat:

 

Bild: Hargesheimer Kunstauktionen

 

Hargesheimer stellt für das Bild auch eine beieindruckende Provenienz vor: Die Grimani aus Venedig soll es besessen haben genauso wie die Familie Zambeccari aus Bologna bevor es zu einem unbekannten Zeitpunkt durch M.A. Gualandi, ebenfalls Bologna, an einen englischen Lord gelangte, der mit Lord J. Oulten in London angegeben wurde.

 

Leider sind die Angaben ein wenig alt. Ein beigegebene Provenienz- und Literaturliste scheint dem Aussehen nach her aus den 1950ern zu stammen.  Bei der Literatur beruft man sich immerhin auf Joseph Crowe und Giovanni Battista Cavalcaselle. Ihre Geschichte der italienischen Malerei ist das mit Abstand einflußreichste kunsthistorische Werk des 19. Jh. Beide Autoren hatten Jahrzehnte daran gearbeitet. Tizian haben sie nicht nur ein eigenes Kapitel, sondern gleich ein ganzes Buch gewidmet. Und darin soll auch das Bild Erwähnung gefunden haben.

 

Es hätte alles so schön sein können: Eine wichtige Neuentdeckung, eine hervorragende Provenienz; nur stimmt das auch? Oder ist hier wie so oft der Wunsch etwas ganz ausergewöhnliches vor sich zu haben Vater des Gedankens?

 

Liest man sich die deutsche Ausgabe (Tizian, Leben und Werk, Leipzig 1876, S.301ff) durch, dann stellt man schnell fest, daß Crowe und Cavalcaselle gar nicht von einem Bild sprechen, sondern von einer Zeichnung:

 

Tizian´s Originalskizze, bis vor zwanzig Jahren in der Sammlung Zambeccari aufbewahrt, kam dann in englischen Privatbesitz. Sie war ein geistvoll hingeworfenes Brustbild, das den Kaiser in der Rüstung, mit unbedecktem Haupte, bis zu den Schultern darstellte  und ohne Zweifel als Unterlage zu dem ausgeführten Portrait in voller Größe gedient hat, welches verloren ging, nachdem es eine Zierde der königlichen Paläste zu Madrid und Brüssel gewesen war. (…) Der Künstler konnte daher nur darauf bedacht nehmen, Büste und Gesicht seines erlauchten Originales festzuhalten, um das Gesammtbild sodann nach der Zeichnung zu ergänzen (S.301).

 

Leider ist es nicht mehr ganz nachzuvollziehen, wie die beiden darauf kamen, daß Tizian eine Skizze des Kaisers angefertigt haben soll. Außerdem haben die beiden die angebliche Zeichnung nie im Original gesehen und sich wohl aufs Hörensagen verlassen, denn ansonsten hätten sie wohl nicht „bis vor zwanzig Jahren“ geschrieben. Auch ist die Auswahl an ganzfigurigen Portraits (in voller Größe) in Madrid, von der beide schreiben, eher begrenzt: So gibt es das weltberühmte Portrait Karls V zu Pferde nach der Schlacht von Mühlberg sowie der Kaiser in Hofkleidung mit seinem Hund. Beide weisen aber keine Übereinstimmung mit dem hier besprochenen Bild auf.

 

Nun sprechen die beiden allerdings auch von einem verloren gegangenen Bild. Was beide damit meinen könnten, ist eine Darstellung die von dem spanischen Hofmaler Juan Pantoja de la Cruz 1605 gemalt wurde (hier). Kurz zuvor hatte es im königlichen El Pardo Palast in der Galerie der Könige gebrannt. Dabei wurde auch eine Darstellung von Karl V in Rüstung von Tizian zerstört. Phillip III von Spanien befahl darauf hin die Galerie wieder herstellen zu lassen. Sein Hofmaler orientierte sich bei der Wiederherstellung an dem noch erhaltenen Tizianportrait des Kaiser zu Pferde, auch wenn er diesen nun zu Fuß darstellen musste. Ob das Vorläuferportrait allerdings Ähnlichkeit mit der hier vorgestellten Darstellung hat, ist pure Spekulation seitens der Herrn Crowe und Cavalcaselle.

 

Es gibt aber einige Portraits, die den Kaiser in Rüstung und ohne Helm nach links gewendet zeigen. Das bekannteste stammt von Peter Paul Rubens,welches 1620 von Lucas Vostermanns in Kupfer gestochen wurde. Rubens soll sich dabei ein verlorenes Original von Tizian zum Vorbild genommen haben. Das Original von Rubens ist – sie ahnen es vielleicht schon – verloren, weswegen der Stich herhalten soll, da dieser direkt auf Rubens und Tizian verweist. Um sich die Farbigkeit vorstellen zu können, sei auf die erhaltene Kopie nach Rubens verwiesen, die Wikipedia zur Verfügung stellt: hier.

 

 

Bild: e-bay

Auf dem Stich bennent Vostermanns am unteren Rand die geistigen Väter dieses Bildes: Zum einen Tizian, der die Vorlage (Prototypo) geliefert, zum anderen Rubens, der es dann ausgeführt (executandi) habe.  Bedeutet dies etwa, daß es doch eine zeichnerische Vorlage gegeben hat, an der man sich orientierte? Hat Tizian tatsächlich eine Skizze des Kaisers angefertigt? Nun, bisher ist dazu nichts bekannt geworden. Aus der Tatsache heraus, daß von Tizian extrem wenig Zeichnungen überhaupt bekannt geworden sind, ist es zumindest anzweifelbar. Vielmehr malte Tizian nach guter venezianischer Weise sofort auf die Leinwand, bzw. war genau für diese Arbeitsweise bekannt.

 

Wie dem auch sei: Keinem anderen Bildtypus steht das bei Hargesheimer versteigerte Bild näher als dem nach der verlorenen rubenianischen Kopie. Dabei kann man einmal getrost die diversen Zutaten wie das Schwert und den Helm außer acht lassen. Nicht nur ist die gemeinsame Blickrichtung entscheidend, sondern auch die deutlich übereinstimmende Wiedergabe der Rüstung. Am auffälligsten sind wohl dessen Schwebescheiben, also die runden, um die Achselhöhlen angebrachten Stahlplatten. Sie fehlen ansonsten in den bekannten Darstellungen zu Karl V in Rüstung. Schaut man genauer hin, dann sieht man, dass sogar die Verzierungen auf den Scheiben übereinstimmen.

 

Provenienz

 

Doch kommen wir auf die Provenienz zurück: Als erste Station wird die Famlie „Grimani“ genannt. Nun sind die Grimani eine weit verzweigte venezianische Familie, deren Mitglieder einst über die ganze Stadt verteilt wohnen. Kein Wunder also, daß es in der Stadt mehrer Palazzi Grimani gibt. Es hätte es schon genauerer Angaben, beispielsweise eines Vornamens, bedurft um hier weiterzukommen.

 

Ein wenig mehr Erfolg ist mit der Ortsangabe Bologna verbunden. Hier lässt der Name M.A. Gualandi aufhorchen. Bei Michelangelo Gualandi handelt es sich – wie er sich selber nannte – um einen „Händler“ und „Liebhaber der schönen Künste“. Irgendwo zwischen einem Kunsthändler und einem Schriftsteller angesiedelt, vermittelt er auch Gemälde an eine zahlungskräftige englische Kundschaft, die sich auf der Durchreise befand. Er hatte zeitweise seine Geschäftsräume sogar im Palazzo Zambeccari, so daß er direkt an der Quelle zur gleichnahmigen Sammlung saß. In seinem Online-Artikel „Scholarship and Art Market in Nineteenth-Century Italy: the Case of Michelangelo Gualandi“ (hier der Link) erwähnt der Autor Giovanni Mazzaferro sogar folgende Begebenheit um das Bild:

And finally, in 1846, Gualandi bought, from the Zambeccari collection, (…) , a portrait of Charles V, (…) attributed to Titian and which then ended up in England, where his traces have been lost [28]. The circumstance is known because the sale made a sensation and an investigation was initiated by the Commissione Ausiliaria di Antichità e Belle Arti (Auxiliary Commission for Antiquities and Fine Arts) in fact, without any results.

Etwas genauer noch ist Gian Pietro Cammarota in seinem Buch zur Sammlung Zambeccari (Le Origini della Pinacoteca Nazionale di Bologna. Una raccolta di fonti. La collezione Zambeccari, Bologna 2000, S.84ff): Er bestimmt den Verkäufer mit Giacomo Zambeccari (1780 -1849) und klärt im Detail über den Skandal auf, den der Verkauf des Bildes nach sich zog als dieser 1871, also gut über 20 Jahre danach, vor Gericht verhandelt wurde. Dabei wurde festgestellt, daß die Commissione Ausiliaria di Antichità e Belle Arti „leichtfertig und unüberlegt“ gehandelt habe, sprich die Verkäufe einfach durchgewinkt habe. Während des Prozesses gibt Michelangelo Gualandi freimütig zur Aussage zwei Gemälde von Marchese Giacomo Zambeccari erworben zu haben. Eigentlich war die Sammlung Zambeccari für die Öffentlichkeit bestimmt und laut testamentarischer Bestimmung doch aufgrund der Verarmung der Familie und ungeklärter Besitzverhältnisse, die der jeweilige Eigentümer zu seinen Gunsten nutzte, kam es immer wieder zu „Notverkäufen“. Erst 1883 konnte sie endgültig vom Staat erworben werden.

Cammarota erwähnt weiterhin, daß das Bild bereits im ersten Sammlungsinventar von 1796 ohne die Nennung eines Autors erwähnt wurde, also schon länger in der Sammlung Zambeccari zu finden war. Inventarisiert unter der: Nr. 183 Ritratto di Carlo V con Cornice nera, e Oro intagliata alto piedi 1:9, largo 1:6 L 25.  (Nr. 183, Bildnis Karl V. mit schwarzem Rahmen und in gold gefasst, Höhe 1:9 Fuß, weite 1:6 Fuß; Lire 25). Zuvor soll es schon durch den bologneser Gelehrten und Antiquar Marcello Oretti Tizian in einem unveröffentlichen Manuskript zugeschrieben worden sein. Mit dieser Zuschreibung machte es dann richtig Fuore und wurde 1842, wie Cammaroza schreibt (ders. S317), als Stich in dem Werk von G. Giordani, Della venuta e dimora in Bologna del sommo Pontefice Clemente VII per la coronazione die Carlo V Imperatore, Bologna 1842, also „Von der Ankunft und Aufenthalt des allerhöchsten Papstes Clemens VII in Bolongna zwecks der Krönung Karl V zum Kaiser“abgebildet; tatsächlich geht der Titel noch länger, doch möchte ich es uns allen an dieser Stelle ersparen.

 

Interessanterweise geht Cammarota davon aus, daß das Bild sich schon von jeher in der Sammlung Zambeccari befunden haben könnte. Auftraggeber sei seiner Meinung nach der Condottiere, also der Herrführer Alessandro Zambeccari gewesen, der von Karl V. angeblich den „halben Adler“ im Wappen der Familie als kaiserliche Auszeichnung erhalten habe. Als Erinnerung quasi habe er dann das Bild bei der Werkstatt Tizians bestellt.

 

Und wie ging es weiter mit dem Bild? Glücklicherweise gibt es in der beigefügten Literaturliste noch einen Hinweis und zwar: G.F.Waagen, Vol.3, page 440. Dahinter versteckt sich Gustav Friedrich Waagen, Kunsthistoriker, Einkaufsagent und Direktor der Berliner Museen von 1830 bis 1864. Auf seinen ausgedehnten kunsthistorischen Reisen etwa besuchte er in den 1850ern jede englische Privatsammlung zu der er Zutritt bekommen konnte. Seine Seherlebnisse publizierte er in drei, jeweils mehrere hundert Seiten umfassenden Büchern. In Band 3 seiner „Treasures of Art in Great Britain„, London, 1854, kommt er auch auf das Bild zu sprechen, das er in Orwell Park in der Nähe von Ipswich bei Mr. Tomline bewundern darf:  Titian: 1.- The Emperor Charles V.; bust-picture, in armour. Judging from the age of the emperor, from the very spirited and animated conception, and from the light and transparent golden tone, this magnificent portrait is probably one of the earliest painted by Titian of this monarch. 

Und auch hier erneut eine Beschreibung die genau auf das Gemälde passt.

Damit wäre die Provenienz um einen weiteren Besitzer erweitert. Wahrscheinlich ließe sich auch noch mehr über den ominösen Lord Oulten herausfinden, der als Besitzer in 1948 genannt wird. Allerdings würde dies wohl eine genauere Recherche vor Ort in England in den einschlägigen Archiven bedeuten, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann.

 

IST DAS BILD VON DER HAND TIZIANS?

Haben wir bei dem Bild wenigstens ein Original von der Hand Tizians vor uns? Diese frage ist wohl mit einem nein zu beantworten. Das Bild wurde bereits Peter Humfrey, dem Verfasser des Werkverzeichnisses zu Tizian, vorgelegt. Dieser hat es als Werkstattarbeit bezeichnet und dies wohl zurecht. Wie wir durch die Kopie von der Kopie von der Hand Rubens gesehen haben, hatte Tizian dem originalen Bild noch Schwert und Helm hinzugefügt um somit das Image eines tatkräftigen und auf dem Schlachtfeld erfolgreichen Herrschers zu unterstreichen. Dies hatte Tizian bereits in anderen Bildern ähnlichen Sujets erfolgreich angewendet. Im vorliegenden Bild ist der Bildaufbau allerdings wesentlich vereinfacht und lediglich ein kleiner Bildausschnitt gewählt worden, was ein wesentlich „intimeres“ Portrait des Kaisers zur Folge hatte.

Stilistisch gesehen gilt Tizian gilt als überragender Portraitmaler seiner Zeit. Der Dichter Pietro Aretino lobt ihn insbesondere für die unmittelbare „Lebendigkeit“, die von seinen Portraits ausgehen würde. Es ist die unmittelbare Kraft der Darstellung, die seine Bilder verströmen und bei seinen Zeitgenossen seinesgleichen sucht. Eigentlich zeigen die Kaiserdarstellungen Tizians diesen als unnahbaren Herrscher; als eine Person, die selbst auf Bildern mit dem Betrachter die Distanz sucht. Diese Aura der Unnahbarkeit fehlt dem vorliegenden Bild und lässt vielmehr vermuten, daß es sich um eine Auftragsarbeit aus der Werkstatt des Künstlers handelt. Darauf weist die Farbpalatte des Bildes hin und zwar in ein Jahrzehnt nach 1550/60, in der die Farbtöne bei Tizian allgemein dunkler werden.

 

FAZIT

Die Provenienz des Bildes kann bis 1846 zurückverfolgt werden, was durchaus beachtlich ist. Es wurde immerhin für längere Zeit als ein Original angesehen und sein Verkauf ins Ausland als ein nationaler Kulturgutverlust betrauert. Ob man allerdings je seine Entstehung zurück bis in die Werkstatt Tizians verfolgen können wird, ist zu bezweifeln. Dazu müsste ein Provenienznachweis zumindest in die Umgebung um Karl V. herum führen, was beim jetzigen Stand der Dinge eher unwahrscheinlich ist.

 

Ist der erzielte Preis gerechtfertigt? Ja, ist er. Er hätte tatsächlich noch höher ausfallen können, denn das Bild ist für die Tizianforschung wichtig. Es zeigt, daß der Maler wohl mehr Darstellungstypen von Karl V. angefertigt hat als bisher angenommen. Sogar Peter Paul Rubens benutze es als Vorlage für sein Herrscherportrait des Kaisers noch Anfang des 17. Jh. Mit dieser Neuentdeckung wird nicht zuletzt die ein oder andere kunsthistorische These zu den Herrscherbildern Tizians über den Haufen geworfen werden müssen.